Mr. Market: Die Psychologie der Börse

"MR. MARKET"

Das Prinzip des manisch-depressiven Mr. Market

Mr. Market ist das vierte Prinzip unserer Modern-Value-Strategie. Das Bild des manisch-depressiven Mannes „Mr. Market“ passt nicht ganz in die Reihe der drei vorangegangenen Prinzipien: Business Owner, Economic Moat und Margin of Safety. Anders als die eben genannten Prinzipien, betrachtet man „Mr. Market“ nicht auf Unternehmensebene. Er spiegelt viel mehr die Stimmung aller Marktteilnehmer wider und steht sinnbildlich für die Aktienmärkte.

Im Mittelpunkt stehen hier die Emotionen – denn die treiben die Märkte nun einmal an. Im Mittelpunkt stehen dabei Angst und Gier. An der Börse greift gelegentlich Angst um sich und verengt den Blickwinkel. Solange die Kurse steigen, ist alles gut und man liegt richtig und geht oft ein zu hohes Risiko ein. Dann macht sich Gier breit – das zweite große Gefühl an den Finanzmärkten.

Doch wenn bei einem Stimmungsumschwung die Kurse fallen und die Urteilskraft eingeschränkt ist und einfach nur noch von einer diffusen Angst überdeckt wird, dann heißt das oft nichts Gutes für die weiteren Investmententscheidungen.  

Aus Angst wird dann Panik – und die ist ansteckend. Wenn nur wenige Investoren ängstlich sind, geben die Kurse vielleicht etwas nach. Wenn aber die Masse Angst hat, wird daraus Panik und das kann Einzelwerte und Indizes zum Absturz bringen.

Der Begriff „Mr. Market“ geht auf den Urvater des Value-Investings Benjamin Graham zurück. Graham führte das Bild erstmals 1949 in seinem berühmten Buch „The Intelligent Investor“ ein. In seinem Werk beschreibt er das Verhalten des „Mr. Market“ sehr anschaulich. Graham fordert den Leser auf, sich in die Lage eines Firmenteilhabers zu versetzen, der ein Unternehmen mit einem weiteren Partner, Mr. Market, zu gleichen Teilen hält. Dieser Partner bietet dem Leser regelmäßig an, seine Hälfte des Unternehmens zu verkaufen. An anderen Tagen möchte der Partner dann jedoch die gesamte Firma besitzen und wiederrum den Anteil des Lesers kaufen. Mr. Market schwankt sehr in seiner Bewertung der Firma – mehr als der Wert sich tatsächlich verändert.

Dieses Verhalten ist irrational und steht im Gegensatz zu der Hypothese effizienter Kapitalmärkte. Hier liegt der Knackpunkt. Die Schlussfolgerung aus der Existenz eines „Mr. Market“ ist nicht die Ablehnung der Hypothese effizienter Kapitalmärkte. Nein, diese Hypothese muss nur modifiziert werden. Märkte sind langfristig immer effizient. Kurzfristig kann die Stimmung an den Märkten die Preise jedoch deutlich von den fundamental fairen Bewertungen abweichen lassen. Das passiert vor allem dann, wenn die Emotionen zu stark wirken – also die Investoren entweder zu gierig sind und die Bewertungen so massiv nach oben treiben. Das passiert aber auch dann, wenn die Angst die Börsen beherrscht und viele Kurse massiv abrutschen.

Beim Mr. Market ist es so: Ist Mr. Market optimistisch, möchte er die Hälfte der Firma des Lesers kaufen, um im Ausgangsbeispiel zu bleiben. Er ist dann häufig auch bereit einen zu hohen Preis zu zahlen. Ist Mr. Market pessimistisch, verkauft er seinen Anteil, gerne auch unter dem fairen Wert. 

Dieses Phänomen ist psychologischen Ursprungs. Mit der Behavorial Finance gibt es einen großen wissenschaftlichen Forschungsbereich, der sich damit beschäftigt. Es sind wie schon erwähnt letztendlich zwei Gefühle, die den Menschen dazu treiben, wie Mr. Market zu handeln – Angst und Gier.

Wie können Investoren diese launische Eigenschaft der Aktienmärkte nutzen?

Die Stimmung zwischen Fear & Greed

Im Englischen stehen die Begriffe Fear und Greed für Angst und Gier. Ein wichtiger Indikator zur Bestimmung der aktuellen Stimmungslage an den Finanzmärkten ist dabei der Fear & Greed-Index des US-Nachrichtensenders CNN. In die Berechnung fließen verschiedene Indikatoren ein, die ein sehr gutes Bild zur aktuellen Marktlage liefern. Dazu gehören u.a. die Marktbreite an der Börse in New York, das Momentum des S&P 500 Index oder auch das Verhältnis der Put- und Call-Optionen an der Wall Street. Der Index kann dann einen Wert zwischen 1 und 100 erreichen – wobei 1 extreme Angst und 100 extreme Gier anzeigt.  

Bei Shareholder Value Management haben wir diesen Index als Basis für eigene Indizes für die USA und Europa herangezogen. Im Gegensatz zum CNN-Index fließen in unsere Indizes noch stärker die Entwicklung der Volatilität und auch die Credit-Spreads mit ein. Aufgrund der anderen Faktoren und Gewichtungen notieren unseren Fear & Greed-Indizes oft anders und schlagen stärker aus.

Trotz vieler Risiken: Schauen wir doch optimistisch in die Zukunft

Was bedeutet das nun für den Investoren-Alltag? Lösen wir uns vom Angst-Begriff und sprechen doch eher von Pessimismus und Optimismus als grundlegende Einschätzungen, die Menschen einnehmen können und die Mr. Market beeinflussen. Dann gibt es viele gute Gründe optimistisch und zuversichtlich in die Zukunft zu schauen und eben nicht immer das Schlimmste zu erwarten. Der US-Autor und Finanzexperte Morgan Housel bringt es so auf den Punkt: „Optimismus ist der Glaube, dass die Chancen auf ein positives Ergebnis langfristig betrachtet gut stehen – auch wenn es zwischenzeitlich Rückschläge geben wird.“ Also lassen Sie uns alle in diese Richtung arbeiten und versuchen die Dinge jeden Tag ein bisschen besser zu machen.  

Zudem können Investoren die extremen Stimmungsausschläge direkt nutzen: Ist die Gier wieder dominierend an den Börsen ist Verkaufen ratsam. Ist die Panik mit Händen greifbar dann ist oft der ideale Zeitpunkt zum Einstieg. Dieser konträre Investmentansatz erfordert viel persönliche Disziplin – doch in der Vergangenheit hat es sich immer wieder gelohnt genau so zu agieren.  

Da wir aber wissen, dass Verluste rechnerisch doppelt so stark von Investoren wahrgenommen werden, steht bei uns der Kapitalschutz im Fokus der Investment-Strategie. Gerade in schwachen Marktphase streben wir geringere Korrekturen in unseren Mandaten als bei den breiten Aktenmärkten an. Wir halten also die sogenannten Drawdowns geringer und bieten unseren Investoren genau die Ruhe an, die sie auch in turbulenten Zeiten ruhig schlafen lässt – einfach weil ihre Investments nicht so stark schwanken.  

Damit das gelingt, machen wir uns insbesondere Gedanken über die aktive Steuerung der Aktienquote, die wesentlich für Rendite und Stabilität eines Portfolios ist. Auch hierbei machen wir uns die Emotionen des Mr. Market zu Nutze und reduzieren die Aktienquote in der Euphorie und erhöhen sie in der Panik. Unser Mr. Market Cockpit hilft uns dabei, die Launen des Mr. Market zu erkennen und dementsprechend zu handeln.