Heiko Böhmer in weißen Hemd mit Hosenträgern

Börsenrallye im Bärenmarkt: Sehen wir die ersten Anzeichen?

Positive Signale an den Märkten sind rar gesät – auch wenn in den vergangenen Tagen die Kurse auf breiter Front zugelegt haben. Noch immer drücken aber viele Krisenherde auf die Stimmung der Investoren. Dennoch erleben wir gleichzeitig keine Panik. Was bedeutet diese Stimmungslage für die nächste Zeit an den Börsen?

 

Artikel vorgelesen von Heiko Böhmer

 

Die kurze und einfache Antwort auf diese Frage lautet in diesen Tagen: Es bleibt spannend. Vor einigen Tagen haben wir die neuen Inflationsdaten aus den USA bekommen – mit sehr gemischten Reaktionen an den Börsen. So rauschten die Kurse direkt nach der Bekanntgabe der Daten massiv nach unten. Nur kurze Zeit später drehte jedoch die Stimmung und es ging wieder klar nach oben.

Was war passiert? Die Inflationsdaten in den USA hatten mit einer Jahresveränderung von 8,2 Prozent nur fast die Erwartungen erreicht. Ein klarer Abwärtstrend ist jedoch immer noch nicht erkennbar. Dazu hieß es dann auf vielen Finanzportalen: „Wenn die Inflation nun doch nicht so schnell fällt wie erwartet, wird wohl die US-Notenbank Fed den Kurs der deutlichen Zinserhöhungen fortsetzen. Das hat auf die Stimmung der Anleger gedrückt.“ Wie gesagt, dies waren die News auf die erste Korrektur nach den Inflationsdaten.

 

„Bad News“ setzen Börsen nicht mehr so stark unter Druck

 

Mit Begründungen für die späteren Kursanstiege wurde es dann schon schwieriger. Und eine Sache wird daran wirklich deutlich: Ob Nachrichten aktuell als „Good News“ oder als „Bad News“ zu verstehen sind, lässt sich nicht mehr so einfach vorhersagen. In solchen Phasen, in denen auch Good News als Bad News aufgenommen werden können, bleibt es ungeheuer schwierig die Stimmung richtig einzuschätzen (Sehen Sie unsere Daten im Mr. Market Compass)

Das gilt vor allem auch deshalb, weil das Sentiment, also die kurzfristige Einschätzung der Investoren, immer noch klar negativ ist – auch wenn es zuletzt hier einige Verbesserungen gegeben hat. „Die kurzfristige Stimmung mit Sicht auf 30 Tage hat sich – wie in den USA - auch in Euroland aufgehellt. Die große Angst aus dem September ist bereits weitgehend entwichen“, erklärt dazu der Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner. Mittelfristig jedoch, mit Sicht auf sechs Monate, bleiben die Erwartungen der Investoren weiterhin klar negativ. Dazu heißt es in den Ergebnissen der aktuellen Sentix-Umfrage: „Wie in den USA bleibt auch in Euroland die strategische Grundschwäche mit Sicht auf die nächsten sechs Monate erhalten. Sowohl die Institutionellen als auch die Privatinvestoren verharren auf ihren Niveaus der letzten Wochen. Das ist für einen nachhaltigen Aufwärtszyklus zu wenig und macht die Märkte immer wieder anfällig für Rückschläge.“

In dieser Woche ändert sich jedoch das Verhalten der Investoren ein wenig. So sorgen „Bad News“, wie ein erneutes Abrutschen eines Stimmungsindikators in den USA, nicht mehr für ein weiteres Absinken der Kurse. Eine grundlegende Veränderung der Marktstimmung scheint damit möglich. Das zeigen auch die deutlichen kurzfristigen Kurszuwächse an den Börsen. Auch wir sind kurzfristig optimistischer: In den vergangenen Tagen haben wir die Cashquote abgebaut und die Aktienpositionen bei großen US-Titeln wie Microsoft (Blogbeitrag: Microsoft: Mehr als Windows und Office) deutlich erhöht. Allerdings sehen wir diese Markterholung nur als kurzfristig an, mittel- bis langfristig sind noch zu viele negative Trends intakt.

 

Herbstrallye? Bärenmarkt ist noch nicht vorbei

 

Beim Blick auf die längerfristige Entwicklung wird klar, dass wir uns noch immer in einem Bärenmarkt befinden. Der läuft zudem bislang lehrbuchmäßig ab. So haben wir zunächst eine erste Korrekturphase erlebt. Daran schloss sich eine zum Teil kräftige Bärenmarktrallye an, die bis Anfang August andauerte. Nun sind wir in die zweite Korrekturphase eingetreten – mit unbekanntem Ausgang. Was uns die Geschichte der Bärenmärkte immer wieder gezeigt hat, sollte uns jedoch als Warnung dienen: In vielen historischen Bärenmärkten fiel die zweite Korrekturphase zum Teil sogar deutlich stärker aus als die erste Korrekturphase - hier illustriert an den historischen Korrekturen des Dow Jones.

 

Chart Vergleich Drawdowns in Abwärtsphasen

 

Der US-Autor Morgan Housel hat einige wichtige Lehren der Wirtschaftsgeschichte treffend zusammengefasst hat: „Die Vergangenheit war nicht so gut wie wir sie in Erinnerung haben, die Gegenwart ist nicht so schlecht wir denken und die Zukunft wird besser werden als wir sie erwarten.“ Mit dieser Einschätzung können wir die aktuellen Turbulenzen an den Märkten doch sicherlich einfacher überstehen und uns auch den notwendigen Optimismus erhalten.

 

Heiko Böhmer

Heiko Böhmer

Heiko Böhmer verfügt über mehr als 20 Jahre Finanzmarkterfahrung. Als Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value Management zeigt er, wie wirtschaftliche Entwicklungen und Anlagetrends zusammenhängen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Einzeltiteln und den Aktienstrategien von Shareholder Value Management.