Ryanair-Aktie: Der Kostenführer in einer schwierigen Branche

Der Stillstand bei den Fluglinien ist vorbei. Dieser Sommer hat gezeigt: Auch nach den Einschränkungen in der Corona-Krise wollen die Menschen wieder massenhaft fliegen. Doch nicht jede Fluglinie kommt mit dem veränderten Umfeld gut klar. Ryanair gehört sicherlich zu den Gewinnern der aktuellen Lage und kann immer noch mit niedrigen Preisen und einer modernen Flotte punkten. Das überzeugt uns auch aus Investorensicht.

 

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Die irische Ryanair ist Europas größte Billigfluglinie mit täglich über 2.100 Flügen zu 241 Flughäfen. Die Gesellschaft verfügt über eine Flotte von 342 Boeing-Maschinen des Typs 737. Gemeinsam mit ihren Töchtern Buzz, Malta Air, Lauda Europe und Ryanair UK kommt die Billigfluglinie auf eine Flotte von mehr als 480 Mittelstreckenjets.

Ryanair ist schon eine eigene Erfahrung. Die Fluglinie ist auf Effizienz getrimmt. Stichwort Standzeiten: Hier kann Ryanair bei jedem Start und jeder Landung punkten. Möglicherweise kennen Sie das ja von Ihren Flügen mit Ryanair: Gerade hat der letzte Fluggast die Maschine verlassen, da startet auch schon wieder das Boarding für den neuen Flug, die Passagiere haben schon auf dem Flugfeld gewartet. Hier wird keine Zeit verschenkt, denn die ist bei den Standzeiten buchstäblich Geld. Wenn jede Standzeit um 5 Minuten kürzer ausfällt als bei der Konkurrenz, dann können hier sehr schnell weitere Flugbewegungen hinzukommen.

Die Zeiten sind jedoch schwierig für die gesamte Branche. Erst sorgten die Lockdown-Maßnahmen in der Corona-Pandemie für massenhafte Flugausfälle über mehrere Monate. Dann mussten die Fluglinien die hohen Ölpreise verkraften, die der Ukraine-Krieg ausgelöst hatte. Das passierte gerade in einer Phase, in der es erste Entspannungstendenzen bei den Buchungszahlen gab.

 

Hohe Absicherung bei den Treibstoffkosten bietet Kostenvorteile

 

Gerade im vergangenen Winter war der Flugverkehr noch einmal stark durch neue Covid-Varianten und Reiseeinschränkungen belastet worden. Das spiegelte sich bei Ryanair in einem Nettoverlust von 241 Millionen Euro wider im Geschäftsjahr 2022. Ryanair-Chef Michael O'Leary hatte hier einen deutlich geringeren Verlust erwartet.

Ryanair ist dennoch der Kostenführer in diesem schwierigen Markt. Mit der aktuellen Positionierung stehen die Chancen zudem gut, dass der charismatische Vorstandschef O' Leary diese Position noch einige Zeit verteidigen kann. Ganz aktuell spielt Ryanair die massive Absicherung der Ölpreise in die Karten. So hat die Fluglinie den Kerosinbedarf zu 80 Prozent auf einem Niveau von weniger als 70 Dollar abgesichert und das sogar bis 2023.

Sollte der Ölpreis also längere Zeit über der Marke von 100 Dollar notieren, kann Ryanair hier deutliche Kostenvorteile gegenüber der Konkurrenz ausspielen. Während andere Fluggesellschaften mit Treibstoffzuschlägen nur die höheren Kosten decken werden, könnte Ryanair dann bei höheren Ticketpreisen auch wirklich höhere Umsätze erzielen, die sich dann wiederum auch positiv auf die Ertragskraft auswirken werden.

 

Ryanair ist flexibler als die Konkurrenz – und das in vielen Bereichen

 

Grundsätzlich agiert Ryanair flexibler als andere Fluglinien – auch das hat sich jetzt ausgezahlt. Während andere Anbieter komplette Crews freigesetzt hatten und diese bei dem höheren Bedarf in diesem Sommer nicht so schnell zurückholen konnten, hat Ryanair seine Crews einfach weiterbeschäftigt und konnte so sehr flexibel auf die höheren Buchungszahlen reagieren und mehr Verbindungen anbieten.

Und schließlich hat sich kürzlich auch das langfristige Lieferproblem mit den Boeing 737 MAX gelöst. Hier haben die technischen Probleme und die daraus resultierende verspätete Auslieferung für einen Engpass bei Ryanair gesorgt. Es ist eben nicht so einfach eine neue Flotte von annähernd 200 Maschinen mal eben von einem anderen Anbieter zu beziehen. Dieses Segment wird von den globalen Riesen Boeing und Airbus dominiert. Und bei Airbus sind die Auftragsbücher bis Ende 2024 schon jetzt voll – also bestand keine Chance auf diesem Weg an neue Maschinen zu kommen.

 

Neue Boeing 737 MAX Flugzeuge sind besonders effizient

 

Ryanair blieb also nichts anderes übrig, als auf die neuen Maschinen von Boeing zu warten. Das wird zukünftig umfangreiche Effizienzsteigerungen bringen, denn die 737 MAX ist ein auf Sparsamkeit getrimmtes Flugzeug. So liegt der CO2-Ausstoß nach Angaben des Herstellers um 13 Prozent niedriger als bei vergleichbaren Mittelstreckenmaschinen. Ein Faktor, der in Zeiten hoher Kerosinpreise von enormer Bedeutung ist. Zudem ist die Wartung der Maschinen auf diesen Typ abgestimmt. Ryanair kann an dieser Stelle die Prozesse im Unternehmen klar vereinfachen, wenn hauptsächlich nur ein Flugzeugtyp zum Einsatz kommt.

Nachhaltigkeit (zu unseren Nachhaltigkeitskriterien) ist naturgemäß ein schwieriges Thema bei den Fluglinien – doch selbst da kann Ryanair punkten. So kommt die Effizienz des Unternehmens bei der engeren Bestuhlung in den Maschinen wieder zum Tragen. Denn dadurch befördert Ryanair bei vergleichbarer Größe schlicht und einfach mehr Passagiere. Zudem ist der Treibstoffverbrauch pro Passagier um rund 8 Prozent niedriger als bei vergleichbaren neuen Modellen von Airbus. Bezogen auf die gesamte Flotte wird der Treibstoffverbrauch weiter sinken, weil die Ryanair-Flotte im Branchenvergleich neu ist und einen niedrigeren Treibstoffverbrauch aufweist.

Grundsätzlich weist das Geschäftsmodell Luftfahrt weiterhin einen hohen CO2-Austoß aus. Doch Ryanair ist bezogen auf die Emissionen Best-in-Class. Gleichzeitig konzentriert sich Ryanair auf die Strecken in Europa, bei denen es sich eben nicht um extrem lange Flüge zu exotischen Reisezielen handelt, die tatsächlich in einigen Fällen vielleicht nicht mehr zeitgemäß sind.

 

Hoher TSR-Wert zeigt das Ryanair-Potenzial für die kommenden 5 Jahre

 

In unserem Aktienkosmos rangiert Ryanair bezogen auf die mittel- bis langfristigen Perspektiven auf einem der vorderen Plätze. Als Basis dient hier der Total Shareholder Return, kurz TSR. Das ist unsere Renditeerwartung an die Unternehmen auf Sicht der kommenden fünf Jahre. In diese Renditeerwartung fließen die Gewinnschätzungen genauso ein wie mögliche Aktienrückkaufprogramme oder Dividendenzahlungen. Hier kommt Ryanair aktuell auf einen TSR-Wert von 22,6. Nur zur Einordnung: In unserem Frankfurter UCITS-ETF - Modern Value liegt der durchschnittliche TSR-Wert der 25 enthaltenen Unternehmen bei 15,7. In diesem ETF ist Ryanair auch vertreten und bietet mit dem hohen TSR gute Chancen für die kommenden Jahre.

 

Heiko Böhmer

Heiko Böhmer

Heiko Böhmer verfügt über mehr als 20 Jahre Finanzmarkterfahrung. Als Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value Management zeigt er, wie wirtschaftliche Entwicklungen und Anlagetrends zusammenhängen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Einzeltiteln und den Aktienstrategien von Shareholder Value Management.